Fortbildung

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3. These:

Fortbildung in der Sterbebegleitung setzt Kräfte bei den Helfenden frei.

Wohl am nachdrücklichsten hat Elisabeth Kübler-Ross (1983) darauf verwiesen, dass angemessen Bildungsarbeit für Helfende im Themenbereich von Sterben, Tod und Trauer immer die ganze Person des Helfenden einbeziehen muss. Sterben und Trauer sind Themen, die jeden Menschen existentiell betreffen - natürlich auch jeden Helfenden. Gerade jene Menschen, die eigene schwere Verlusterfahrungen erlebt haben, fühlen sich oftmals besonders aufgerufen, selbst Hilfe anzubieten. Sie sind hierauf durch das Leben gut vorbereitet, wenn sie zusätzlich in die Lage versetzt werden, ihre eigenen Erfahrungen bewusst zu bearbeiten. Geschieht dies nicht, wird die unbewusste Bindung an den eigenen Schmerz immer wieder Kräfte binden und blinde Flecken bei der Wahrnehmung von Nöten anderer erzeugen. Bildungsarbeit kann hier die oftmals verdrängte Gefühle ins Fließen bringen und auf diese Weise Kräfte freisetzen, die der helfende Mensch bei der Gestaltung seines eigenen Lebens ebenso nutzen kann wie bei der Arbeit mit Sterbenden.

4. These:

Fortbildung für HospizmitarbeiterInnen dient der Angstbewältigung.

Die Begegnung mit sterbenden oder trauernden Menschen ist stets Begegnung mit der eigenen Angst vor dem eigenen Tod. Diese Angst ist offenbar ein typisch menschliches Phänomen und sie ist unabwendbar. Aus zahlreichen sozialpsychologischen Untersuchungen (besonders im angelsächsischen Raum), wissen wir heute, dass die Angst vor dem Tod - jedenfalls in ihren unbewussten Anteilen - keinen Menschen ausspart, sondern sozusagen so etwas wie ein Kennzeichen unseres Menschseins ist. (Becker 1987; Solomon, Greenberg, Pyszczynski 1991; Ochsmann 1993; Pyszczynski 1995). Sie geht auch durch wiederholten Umgang mit Sterbenden und Trauernden nicht verloren. Dies gilt auch für Menschen, die ehrenamtlich oder beruflich im Bereich der Sterbebegleitung tätig sind. Was sie erreichen können, ist höchstens eine Bewältigung ihrer Ängste vor dem Tod, nicht der Verlust dieser Ängste (Wilkinson & Wilkinson 1986/87; Robbins 1992; Student & Tiffin-Richards 1992).

Diese Angst vor dem Tod lässt sich folgendermaßen erklären: Angesichts des Todes prallen in uns zwei diametral entgegengesetzte Impulse aufeinander: Einerseits tragen wir - wie jedes Lebewesen - in uns einen sehr vitalen Überlebenswillen. Dieser Instinkt befiehlt uns, alles daranzusetzen, damit wir unser Leben erhalten und retten. Andererseits sind wir aufgrund unserer verstandesmäßigen Fähigkeiten in der Lage, die Tatsache seines eigenen Todes als unabänderlicher Realität denkend vorwegzunehmen. Wir wissen also - im Unterschied zum Tier - dass wir eines Tages sterben werden, also unser Instinkt der Realität unterliegen wird.

Das Aufeinanderprallen dieser widersprüchlichen Impulse in uns erzeugt eine abgrundtiefe Angst (Becker 1987; Solomon, Greenberg, Pyszczynski 1991), mit der die Menschen aller Zeiten ihre Mühe hatten - nicht zuletzt deshalb, weil solche Ängste uns entweder in die Flucht schlagen oder aber in Aggressionen gegenüber anderen umschlagen können.

Bei Menschen, die beruflich oder freiwillig sterbende Menschen begleiten, wird immer und immer wieder an diese Angst gerührt. Dies birgt die Gefahr von Fluchttendenzen einerseits und aggressiven Verhaltensweisen andererseits in sich. Hier ist auch eine der Wurzeln für Euthanasie-Handlungen zu suchen. Was hilft Bildungsarbeit hier? Die Art des Bildungsangebotes sollte so beschaffen sein, dass die Helfenden in die Lage kommen, ihre Angst bewusst wahrzunehmen, darin geübt werden, sie wieder zu erkennen und auf diese Weise eine neue Form des Umganges mit ihr entwickeln können. Das heilsame Hinschauen auf die Angst ist also ein wesentlicher Schlüssel zu ihrer Bewältigung.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Hospizen sollten also in ganz besonderer Weise um die eigenen Ängste angesichts von Sterben, Tod und Trauer wissen. Sie werden deshalb darin geübt, diese eigenen Ängste angesichts derjenigen von Sterbenden nicht zu verdrängen, sondern mit der nötigen Wachheit wahrzunehmen. Sie wissen, dass diese Fähigkeit zur Bewältigung eigener Ängste ihnen nicht in den Schoß fällt, sondern immer wieder auf neuen, kreativen Wegen erworben werden muss. Hierbei soll Bildungsarbeit sie unterstützen. Methodisch gibt es hierzu eine ganze Reihe von Wegen. Zu ihnen gehört die „Sterbemeditation“ (Simonton 1982; Tausch und Tausch 1985) ebenso wie andere Formen der Selbsterfahrung, wie sie insbesondere von Elisabeth Kübler-Ross (Kübler-Ross 1983) und ihren SchülerInnen (z. B. Furth 1991; Student & Tiffin-Richards 1992) eingeführt worden sind.

5. These:

Bildungsarbeit für Menschen, die Sterbende begleiten, ist Entwicklungschance und Lohn der Tätigen.

Insofern ist Fortbildung (und das sollte eigentlich für jede Art der Bildung gelten) auch in der Stebebegleitung so etwas wie eine Belohnung für die Menschen, die in den Genuss dieser Bildung kommen. Sowohl weil sie Kräfte freisetzt (These 3) als auch weil sie Menschen zu einem freieren Leben im Angesicht des Todes befähigt (These 4). Damit wird Bildungsarbeit auch so etwas wie eine Belohnung oder genauer gesagt eine Entlohnung für die im Hospiz geleistete Arbeit. Dies ist speziell für die Arbeit der Freiwilligen BegleiterInnen bedeutsam, die ja (wenigstens noch) keine materielle Entlohnung für ihre Arbeit bekommen und gleichzeitig die Hospizarbeit weltweit entscheidend tragen. Und wir würden es uns zu leicht machen, wenn wir sagen: „Die Arbeit trägt ihren Lohn in sich.“ Inneres Wachstum und eigene Entwicklung sind nötig, um die Früchte der Sterbebegleitung einbringen zu können. Hierbei ist Bildungsarbeit ein nützliches Hilfsmittel. Dass dies so ist, zeigen Untersuchungen an nordamerikanischen Freiwilligen BegleiterInnen deutlich. Darin wird deutlich, dass es gerade das ist, was in der Hospizarbeit gesucht wird: Entwicklungschancen durch Aus- und Weiterbildung.

Bildungsarbeit ist also gleichzeitig eine Möglichkeit, die Helfenden „bei der Stange zu halten“, sie zu unterstützen, diese Arbeit auch weiterhin als einen wesentlichen Inhalt ihres Lebens schätzen zu können.

 

 

 

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